|
Denkt euch, ich habe das Christkind gesehn! Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee, mit rotgefrorenem Näschen.
Die kleinen Hände taten ihm weh,
denn es trug einen Sack, der war gar schwer, schleppte und polterte hinter ihm her.
Was drin war, möchtet ihr wissen? Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack denkt ihr, er wäre offen der Sack?
Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss etwas Schönes drin! Es roch so nach Äpfeln und Nüssen! (Anna Ritter 1865 - 1921)
Weihnachtsabend
Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll, 
der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus. Weihnachten war’s, durch alle Gassen scholl der Kinderjubel und des Markts Gebraus.
Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr: „Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.
Ich schrak empor, und beim Laternenschein
sah ich ein bleiches Kindergesicht; wes Alters und Geschlecht es mochte sein, erkannt ich im Vorübertreiben nicht.
Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
noch immer hört ich, mühsam, wie es schien: „Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn’ Unterlass; doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.
Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham, am Weg zu handeln mit dem Bettelkind? Eh’ meine Hand zu meiner Börse kam, verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.
Doch als ich endlich war mit mir allein, erfasste mich die Angst im Herzen so, als säß’ mein eigen Kind auf jenem Stein und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.
(Theodor Storm 1817 - 1888) !
|