|
Ich schrie so laut ich konnte, doch keiner hörte mich. Lärm, Dunkelheit und eisige Kälte umhüllten mich. Eis und Schnee
nagten an meinen Füßen und ich strampelte und strampelte, schrie und schrie … Um mich herum war ein Stoßen und Schreien und Laufen und Fallen. Auch ich fiel in einen Schneehaufen, Hände zogen mich heraus,
halfen mir auf einen Arm und endlich deckte jemand meine halberfrorenen Füßchen zu. Ich wimmerte nur noch, und vor lauter Kälte waren meine Lippen blau angelaufen. Die Füße spürte ich nicht mehr. Da, endlich,
kam die Masse von Menschen um mich zur Ruhe. Eisige, finstere Ruhe, gefüllt mit Angst und Schrecken. Das Knallen und Donnern wurde leiser und entfernte sich. Ich wurde fester von Decken umhüllt, entkräftet schlief
ich ein. Später, viel später würde ich sagen, seit dieser Nacht habe ich immer kalte Füße, deshalb reise ich nie ohne Wärmflasche, selbst in die heißesten Länder. Der Erfinder der Wärmflasche bekommt von mir post
hum eine Ehrenmedaille.
Einige Stunden später erwache ich und fühle die warme, Milch spendende Brust meiner Mutter. Langsam öffnete ich meine drei Monate alten blauen Augen und kann im schwachen Morgenlicht
Umrisse viele Menschen sehen, die liegen oder stehen, im Schnee herumstapfen oder sich die Hände am Körper warm schlagen. An einem Bahndamm in einer Schneewehe schützen wir uns. Unter uns schlängeln sich Bahngleise
wie schwarze Leitern durch die öde Schneelandschaft. Der Zug, der in dieser Nacht von britischen Fliegern mit Bomben zerstört wurde, liegt wie eine aufgeschlitzte Schlange umgekippt im Schnee. Tote Fenster starren
in den blassen Winterhimmel. Bis auf das Stöhnen einiger Verwundeter ist es totenstill. Die Schneelandschaft verschluckt alle unnötigen Geräusche und die Luft ist von angstvollem Warten auf das Ungewisse
erfüllt.
Meine Mutter schaut zur Seite, wo meine Oma
zusammengekauert auf einem kleinen Köfferchen sitzt. Dieses schwarze 40x50 cm große Köfferchen beinhaltet unsere ganze Sicherheit. Mit den Papieren können wir unsere Existenz, unser Leben, unsere
Daseinsberechtigung beweisen. Sie hat mir später erzählt, wie wichtig dieses Köfferchen war. Ich habe es heute noch und bewahre auch Dokumente darin auf, genau wie Oma
und Mutti. Doch jetzt sind wir auf der Flucht vor den Russen, die die Grenze von Ostpreußen überschritten haben und die deutsche Wehrmacht zum planlosen Rückzug aus Russland zwingen. Der
Russlandfeldzug ist verloren und damit letztendlich auch unsere Heimat Ostpreußen.
Eine Heimat habe ich erst dort wieder gefunden, nein nicht wieder, denn ich
hatte noch nie eine Heimat, erst da, wo ich Grund und Gartenerde mein Eigen nennen konnte, wo ich Stein auf Stein ein Haus erhalten habe und wo ich mit
meinem Mann und unserer kompletten kleinen Familie frei leben konnte. Alle, die zu mir gehören und ein Teil des gemeinsamen Lebens sind, leben und
starben in meiner Nähe. Es ist für mich ein besonders ausgeprägtes Grundbedürfnis des Zusammenhaltens, wahrscheinlich begründet in der Entwurzelung durch Krieg und Flucht, die ich in meinen ersten
Lebensmonaten erlebt habe. Heutige Psychotherapeuten führen fast alle Verhaltensweisen auf diese erste Lebenszeit zurück. Die Sehnsucht nach etwas Beständigem, die ich nicht beschreiben und letztlich nie ganz
befriedigen kann. Vielleicht stimmt der alte Liedvers:
„Meine Seele ist unruhig, bis sie ruht in Dir“.
|