Auf der anderen Seite des Weges

Der Tod ist nichts
Ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen

Ich bin ich, ihr seid ihr
Das, was ich für euch war, bin ich immer noch

Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt

Gebraucht nie eine andere Redeweise
Seid nicht feierlich oder traurig

Lacht weiterhin über das, worüber wir gemeinsam gelacht haben
Betet, lacht, denkt an mich

Betet für mich,
Damit mein Name im Hause ausgesprochen wird

So, wie es immer war
Ohne irgendeine besondere Bedeutung

Ohne die Spur eines Schattens
Das Leben bedeutet das, was es immer war

Der Faden ist nicht durchschnitten
Warum soll ich nicht mehr in eueren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in euerem Blickfeld bin?

Ich bin nicht weit weg

ICH BIN NUR AUF DER ANDEREN SEITE DES WEGES

(Henry Scott Holland 27.1.1847, Ledbury - 17.3.1918, Oxford)

 

         

        Wenn du mich brauchst

Wenn du traurig bist, möchte ich bei dir sein.
Wenn du müde wirst, möchte ich meinen Arm für dich bereithalten.
Wenn du sprechen willst: meine Ohren sind für dich offen.

Ich habe auch nicht viel Kraft.
Ich bin reizbar, ungeduldig und schwankend,
aber wenn du mich rufst, werden alle Kräfte in mir mobilisiert.

Vielleicht brauchst du jemanden, mit dem du nur schweigen möchtest:
ich bin da.
Wenn du Widerstand brauchst: ich will dir die Stirn bieten.
Wenn du wissen willst, wie es um dich steht: ich will dir einen Spiegel vorhalten.

        Ich möchte dasein, wenn du mich brauchst.
        Ich möchte für dich dasein.                                                       

        (nach Otto und Felicitas Betz)

 


Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich tod-entlang

und laß mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;

und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur.

Doch mit dem Tod der  andern muß man leben.

(Gedicht von Mascha Kaléko 1907-1975)